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    Themenkomplex HDC 2016-2018: Kollektive Angst und Unsicherheit

    Konzept

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    AG: Roland Deutsch, Dorothea Ehr, Matthias Gamer, Jörn Hurtienne, Pierre-Carl Link, Ilona Nord, Manuel Pietzko, Andreas Rauh, Nina Reinsch, Frank Schwab, Kevin J.M. Smith, Roland Stein

     

    Im Human Dynamics Centre der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität Würzburg werden Themenkomplexe diskutiert und beschlossen, die interdisziplinäre Herangehensweisen ausloten und gemeinsame Forschungsaktivitäten anregen sollen. Für die Jahre 2016-2018 lautet der Themenkomplex „Kollektive Angst und Unsicherheit“. Das vorliegende Thesenpapier beleuchtet Perspektiven des Themas vom Individuum zur Gesellschaft und soll zum einen mosaikhaft ein interdisziplinäres Themenfeld konturieren, gleichsam aber auch Anregung dafür sein, interdisziplinäre Brücken zu bauen.

    Wie hängen Angst und Unsicherheit zusammen? Welche Konsequenzen haben sie und was unterscheidet kollektive von individuell erlebter Angst? Momentane Unsicherheit ist auf neuronaler Ebene ähnlich repräsentiert wie Furcht. In beiden Fällen finden sich Aktivierungsanstiege in phylogenetisch alten Strukturen des Gehirns wie dem limbischen System. Dauerhaft erlebte Unsicherheit kann ähnlich wie überdauernde Angst abträgliche Konsequenzen für die psychische Gesundheit haben und die Entwicklung von Angststörungen oder affektiven Störungen fördern. Temporäre Unsicherheit kann jedoch auch positive Konsequenzen haben, indem sie ein Hinterfragen des aktuellen Verhaltensrepertoires motiviert. Dieser Prozess bildet sich etwa in einer Erhöhung der Lernrate in Folge einer Unsicherheit erzeugenden Situation ab. Das Individuum stellt in diesem Fall erhöhte Ressourcen zur Verfügung, um vergleichbare Situationen in Zukunft besser bewältigen zu können. Dieses Wechselspiel verdeutlicht, dass auf der einen Seite Lernen und Entwicklung nicht denkbar wären ohne vorhandene Unsicherheit, auf der anderen Seite jedoch dauerhaft bestehende und nicht zu bewältigende Unsicherheit Angst erzeugt und mit entsprechenden negativen Konsequenzen einhergeht.

    Gesellschaftlicher Wandel kann als Bedrohung empfunden werden und unangenehme Affekte wie Unsicherheit und „collective angst“ auslösen (Wohl, Squires, & Caouette, 2012). Aus der sozialpsychologischen Literatur zu Theorien der Bedrohungskompensation lässt sich ableiten, dass ein wesentlicher Grund hierfür darin liegen könnte, dass zentrale Bedürfnisse und Wünsche des Individuums stellvertretend durch kollektive Strukturen und Instanzen befriedigt und erfüllt werden können. So kann beispielsweise der Wunsch nach einer klaren und stabilen Identität durch die Identifikation mit einer nationalen oder ethnischen Kultur befriedigt werden (vgl. Hogg, 2009). Des Weiteren gibt es Hinweise darauf, dass Bedrohungen einer kollektiven Struktur oder Instanz auf individueller Ebene kompensiert werden können. So kann der wahrgenommene Verlust gesellschaftlicher Ordnung durch eine erhöhte Wahrnehmung individueller Kontrollmöglichkeiten durch das Individuum ausgeglichen werden (Kay et al., 2008). Vor dem Hintergrund des Wechselspiels zwischen wahrgenommener Bedrohung, Affekt und Kompensation auf individueller wie kollektiver Ebene lässt sich nach den sozialkognitiven Mechanismen fragen, die zwischen Bedrohung und Kompensationsprozessen vermitteln. Ebenso lassen sich womöglich verschiedene Formen der Bedrohung differenzieren, beispielsweise Bedrohung einer Kultur oder einer Institution. Durch die Suche nach modulierenden Prozessen und Eigenschaften auf Ebene des Individuums und des Kollektivs, welche teilweise bereits aus der Literatur bekannt sind (vgl. Landau, Kay, & Whitson, 2015), lässt sich eine Systematik von Schutz- und Risikofaktoren und damit Möglichkeiten der Intervention entwickeln.

    Globalisierung, Beschleunigung, Digitalisierung und demographischer Wandel sind momentan starke Einflussfaktoren auf die Gestaltung der Arbeitswelt. Der gegenwärtige Wandel der Arbeit erzeugt vielfältige, individuelle wie auch kollektive Ängste und Unsicherheiten. Die Krankschreibungstage aufgrund psychischer Erkrankungen sind in den letzten 15 Jahren um 80% gestiegen. Arbeitnehmer-, Arbeitgeber-, und Sozialverbände sind alarmiert, wissen jedoch nicht so recht damit umzugehen. Individuelle und kollektive Angst und Unsicherheit drücken sich etwa in den folgenden drei exemplarischen Fragerichtungen aus, die gegenwärtig in den populären wie auch den wissenschaftlichen Medien diskutiert werden:

    1)    Sind unsere Jobs noch sicher? Frey und Osborne errechneten, dass in den nächsten 20 Jahren etwa die Hälfte aller Jobs in den USA durch die Digitalisierung ersetzt werden könnten. Dies gilt in etwas geringerem Umfang auch für Europa und Deutschland.

    2)  Wird Arbeit prekärer? Das Normalarbeitsverhältnis erodiert. Der Trend geht zu mehr Leiharbeit, befristeten Stellen, Teilzeitarbeit und multiplen Arbeitsverhältnissen. Werden wir in der Sharing/Gig Economy der Zukunft nur noch als Crowdworker beschäftigt sein und von schlecht bezahlten kleinteiligen Arbeitsaufgaben leben?

    3)   Komme ich noch mit? Wenn alles immer schneller wird, kann ich mich noch einarbeiten in ständig wechselnde Technik? Kommen wir aus den permanenten Restrukturierungen der Unternehmen jemals wieder heraus und haben mal Zeit für die eigentliche Arbeit? Können wir die gestiegenen Kundenerwartungen noch erfüllen? Überholt uns die Konkurrenz in Fernost?

    Führt das permanente Ungenügen, das durch das „Drehen“ an den Zielvereinbarungsschrauben erzeugt wird, irgendwann in die totale Erschöpfung? Vor dem Hintergrund dieser Unsicherheiten wird häufig auf das Konzept und Phänomen der Resilienz verwiesen, also auf die Widerstandskraft gegen aversive äußere Bedingungen. Dieses scheint jedoch als Forderung „Werde resilient!“ respektive „Werde unverwundbar!“ die genannten Facetten des kollektiven Drucks noch zu erhöhen. Statt dieses hilflosen Versuchs, die Verantwortung für aversive äußere Bedingungen auf Individualebene zu verorten und anzugehen, sollten weniger die Individuen als vielmehr diese äußeren Bedingungen für kollektive Angst und Unsicherheit in den Blick genommen werden. Solchermaßen kann die kritische Reflexion des Erlebens von und Verhaltens bei Angst und Unsicherheit in dem Wechselverhältnis von Individuum und Umwelt gelingen. Mit Blick auf das Subjekt sowie auf soziale Gruppierungen, Staaten und Religionen, lässt sich festhalten, dass es Voraussetzung für eine Erhöhung der Resilienz ist, um Verwundbarkeiten und Wunden zu wissen (vgl. Keul, 2016, 224).

    Gegenüber dem Resilienzdiskurs birgt ein transdisziplinärer Vulnerabilitätsdiskurs – vor allem die Verbindung beider Diskurse – ein Innovationspotential. Die Theologie, zu deren Kernthemen nach Keul Wunden gehören, hat einen besonderen verstehenden Beitrag für diesen Diskurs zu leisten (vgl. ebd.). Gerade die theologische Anthropologie und Ethik deuten in einem überlappenden Konsens mit der philosophischen Anthropologie Angst als ein (je nach Wissenschaftssemantik) grundlegendes Gefühl. Weil Angst (noch im Anschluss an Heidegger) intentional ohne Objekt auskommt, geht sie auch sprachlich viele Hochzeiten mit anderen Gefühlen ein: aktuell wird häufig von Schamangst gesprochen, gemeint ist die Angst vor einem Verlust des auch medial erzeugten eigenen Selbstbildes im Kontext mit anderen. (Theologische) Ethik als Präventivethik versucht diese Angst zu bearbeiten. Weil die Schamangst dazu verleitet, Scham in Schuld zu verschieben, um der Passivität der Schamsituation zu entgehen, gibt sie auch einen Hinweis auf die Entstehung von Gewalt als Folge eines falschen Angstumganges. Biblische Texte und Narrationen in Literatur, Theaterstücken, Film, Computerspielen coachen für den Umgang mit Angst als Schamangst und sind somit der ideale Distanzfilter, um Angst zu therapieren.

    „Only bad news are good news“ – unter diesem Motto haben Nachrichtenformate der unterschiedlichsten Medien einen speziellen Fokus auf furcht- und angstauslösende Ereignisse und Inhalte. Dies gilt nicht nur für Informationssendungen, bei denen angstauslösende Ereignisse einen besonderen Nachrichtenwert darstellen. Auch fiktionale Angebote bedienen unsere Ängste. Spannende Bücher und Filme zeichnen sich durch einen Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen aus. Die Medienpsychologie untersucht, wie Rezipienten mit angstauslösenden Medieninhalten umgehen. Wieso wählen wir solche Angebote aus? Wie erfolgt die Rezeption dieser Inhalte? Welche Wirkungen lassen sich beschreiben? Ein Klassiker der Medienforschung ist die „Scary World of Heavy Viewers“, angstauslösende Medieninhalte sollen hierbei die Weltsicht und die Einstellungen der Medienrezipienten furchtvoll einfärben und verändern. Sind die Medien schuld, oder sind wir Menschen einfach unheimlich schlecht im Umgang mit Risiken und Unsicherheiten (Risikokompetenz) und damit „statistische Analphabeten“ (Gigerenzer), die sich nur allzu schnell eine angstvolle Welt konstruieren? Welche Macht besitzen die Medien? Leben wir heute nicht zunehmend in unserer selbstgebauten Medien-Nische (defensive Selektivität), zunehmend gefangen in algorithmenproduzierten Filterblasen? Sind aktuell zu beobachtende gesellschaftliche Phänomene wie Lügenpressevorwürfe, die Krise der Glaubwürdigkeit des Journalismus und Verschwörungstheorien auch eine Folge der Veränderung der Medienlandschaft?

    ‚Kollektive Angst und Unsicherheit‘ sind Begriffe, die auf soziologisch und sozialphilosophisch imprägnierte Zeitdiagnosen verweisen – etwa zur Kennzeichnung veränderter Charakterzüge der (bundesdeutschen) Gesellschaft. Jedoch welche (problematischen) Gehalte dieser aktuellen Zeitdiagnosen lassen sich ausweisen? Wie werden die gesellschaftlichen Prozesse von Desintegration und Anerkennungsverhältnissen thematisiert? Zum Beispiel nehmen öffentlich wirksame Kommunikationen über kollektive Angst und Unsicherheit häufig auch auf empirische Beschreibungen bzw. datengestützte Realitätssichten Bezug. Welche sozialphilosophischen Ansätze gibt es, mit diesen umzugehen?

    Zwischen dem Verhalten, das von außen wahrnehmbar ist und seinen Motiven oder Gründen besteht eine Wechselwirkung des Individuums mit seiner Umwelt. Kollektive Angst und Unsicherheit treten auf, wenn diese Wechselwirkung gestört wird (Stein, 2012; 2015). Diese Störungen können sich in einem bestimmten (evtl. ‚auffälligen‘) Verhalten und Erleben manifestieren. Aus sonderpädagogischer Perspektive bilden individuell auftretenden Ängste und Unsicherheiten ein breites Spektrum von vorübergehenden Erscheinungen bis hin zu psychischen Störungen, die sich auch immer wieder zu kollektiven Phänomenen verdichten können – im Sinne von geteilten Befürchtungen und Verunsicherungen. Dies korrespondiert mit einem Spektrum (sonder-)pädagogischer Präventionen – von der Verhinderung der Verfestigung von Problemen überhaupt bis hin zu hochinterventiven, speziellen pädagogischen Maßnahmen. Auch wenn die Sonderpädagogik insbesondere auf das Individuum zentriert ist, interessiert sie sich gerade in präventiver Hinsicht auch für solche kollektiven Erscheinungen von Angst, Furcht und Unsicherheit:

    1)  Ängste, die durch kognitive Nicht-Einschätzbarkeit der Dinge, durch emotionale Regulationsprobleme, durch Furcht vor gewaltsamen Übergriffen evoziert werden.

    2)   Verunsicherungen im Kontext des Bemühens um Selbstoptimierung, wenn ständige und drängende Forderungen nach optimalen Leistungen das Individuum zu überfordern drohen.

    3)    Das im Hinblick auf kollektive Ängste spezifische Handlungsfeld der Schule, wo erhebliche Probleme in Form von sozialen Ängsten und Prüfungsängsten in Erscheinung treten.

    4)    Ängste, die sich durch die Furcht vor ‚dem Fremden‘, dessen menschliches ‚Anders sein‘ auszeichnen – z.B. durch eine Behinderung, religiöse Zugehörigkeit, Sexualität, Kleidung oder Sprache.

    Gerade Xenophobie, eine spezielle Form der sozialen Angst, ist Gegenstand der Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Dabei bedeutet ‚Xénos‘ nicht nur Fremder, sondern auch Gast. Viele geflüchtete Menschen leiden an Traumatisierungen durch das Erleben von Flucht und Gewalt. Gefühle der Ohnmacht spielen dabei genauso eine Schlüsselrolle wie Scham und Angst. Psychoanalytische Pädagogik und die Psychoanalyse bieten ein spezifisches Vokabular für die Beschreibung von Psycho- und Gruppendynamiken, sowie von Verhalten im Spektrum von Angst und Ängstlichkeit. Zwar sensibilisieren kollektive Angst und Unsicherheit für Bedrohung, doch führen sie zumeist auch zu einer Radikalisierung: Misstrauen am Einzelnen und damit auch an einer ganzen Gesellschaft kann entstehen. Somit können kollektive Angst und Unsicherheit aufzeigen, wo Veränderungen anstehen und wahrgenommen werden, etwa in der deutschen Gesellschaft im Umgang mit Geflüchteten: zum einen auf einer sehr subtilen Ebene der Fremdheitserfahrungen und kulturellen Diversität, zum anderen aufgrund von Angst vor Terror oder in Form von Zukunftsängsten.

    Vor dem Hintergrund globaler Krisen und komplexer Gefährdungslagen ist der Themenkomplex ‚Kollektive Angst und Unsicherheit‘ auch aus politikwissenschaftlicher Perspektive äußerst relevant. Denn das internationale System ist unsicherer denn je: Kriege und Konflikte, internationaler Terrorismus, Klimawandel, Flucht, Migration, steigende Ungleichheit sowie soziale Spannungen sind sich gegenseitig verstärkende globale Herausforderungen, die die Regierungen und internationalen Organisationen unter vielfältigen und enorm großen Handlungsdruck stellen. Die Welt driftet in eine Ära der Unregierbarkeit und allgegenwärtigen Unsicherheit ab (Menzel, 2016). Gleichzeitig haben sich weltweit massiv kollektive Ängste eingestellt, die den Handlungsspielraum und die Gestaltungsmacht von nationalen, internationalen und transnationalen Akteuren substantiell beeinflussen. Aus Unsicherheit und kollektiven Ängsten entstehen Forderungen nach Protektionismus und Abschottung, nach Rückbesinnung aufs Nationale, nach besserer Berücksichtigung und Achtung der „einfachen Leute“. Damit bahnt sich eine hochexplosive und mutmaßlich gefährliche Zeitenwende an, die auch von der Politikwissenschaft kritisch beforscht werden muss.

     

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